CHRYSALIS. ARTISTS IN LABS
Berlin-based Artistic Research in Science and Technology
Mit Helena Nikonole, Julius Holtz, Margherita Pevere, Marcus Maeder
In den Jahren 2025 und 2026 realisierte Art Laboratory Berlin das neue innovative Projekt CHRYSALIS. ARTISTS IN LABS, das einen interdisziplinären Austausch zwischen Kunst und Wissenschaft in Berliner Forschungslaboren ermöglichte. Das Projekt wird freundlicherweise von der LOTTO-Stiftung Berlin gefördert. In Zusammenarbeit mit einem Konsortium von Wissenschaftler:innen der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin, der Technischen Universität Berlin, der Universität der Künste Berlin, der Charité und des Bernstein Center for Computational Neuroscience lud Art Laboratory Berlin ausgewählte Künstler:innen zu Laborresidenzen in Berliner Forschungseinrichtungen ein. Die Gruppenausstellung präsentiert erstmals die neu entstandenen Arbeiten und vermittelt Materialien aus der künstlerischen wie wissenschaftlichen Forschung. Die interdisziplinäre CHRYSALIS-Konferenz findet am 28. November 2026 statt.
Helena Nikonoles neues Projekt SonoMetagenomics (2026) bringt Forschung zu Bioakustik und spekulativer Evolution mit metagenomischer Bodenökologie in einen Dialog. Es untersucht, wie Klang und Vibration als Umweltfaktoren auf mikrobielle Gemeinschaften im Boden wirken können. Die Installation ist eine künstlerische Repräsentation eines wissenschaftlichen Experiments, das die Künstlerin zusammen mit dem Wissenschaftler Álvaro Rodríguez del Río vom Rillig Lab | Ökologie der Pflanzen an der Freien Universität Berlin entwickelt. Sie überträgt den experimentellen Aufbau hier in zwei mit Erde gefüllte Bioreaktoren, die durch Transducer aktiviert werden. Der eine reproduziert Baustellenlärm, während der andere das Experiment erweitert um eine spekulative Bandbreite akustischer Umgebungen – von militärischen und industriellen Maschinen bis hin zu Naturklängen. Indem anthropogene, technologische und nichtmenschliche Klanglandschaften mit Erde in Kontakt gebracht werden, untersucht die Arbeit das Potenzial dieser Klanglandschaften, mikrobielle Systeme zu verändern. SonoMetagenomics interessiert sich insbesondere für antibiotikaresistente Gene und mögliche antimikrobielle Funktionen. Es fragt, ob akustischer Stress ansonsten verborgene biologische Prozesse sichtbar machen und dazu beitragen kann, zu verstehen, wie evolutionäre Entwicklungsverläufe innerhalb komplexer mikrobieller Ökosysteme entstehen.
In der neuen generativen audiovisuellen Installation COMMON GROUND (2026) bewegt sich Julius Holtz an der Schnittstelle von Neuro Art, Wahrnehmungspsychologie und Klangkunst. Ein Brain-Computer-Interface (BCI) erfasst in Echtzeit die neuronale Aktivität eines oder einer Besucher:in und übersetzt diese in generative Klang- und Videoprojektionen, die sich also ständig verwandeln. Für seine künstlerische Forschung hat Julius Holtz in mehreren Laboren geforscht, besonders im Schlaflabor der Charité Berlin. Die neue Arbeit untersucht Synchronisation als elementares Prinzip der Ein- und Abstimmung. Ein hochauflösendes quadrophonisches Lautsprechersystem erzeugt eine räumliche Klangumgebung, die nicht nur hörbar, sondern auch körperlich erfahrbar ist. Gleichzeitig macht die Projektion die EEG-Daten und die fortlaufenden Veränderungen neuronaler Aktivität sichtbar. Die generative Arbeit erzeugt einen wahrnehmungspsychologischen Feeback-Loop zwischen Kunstwerk und der Person, die das BCI trägt. Gleichzeitig beeinflussen alle Anwesenden die gemeinsame sensorische Umgebung und nehmen sie wahr. COMMON GROUND definiert den Ausstellungsraum als spekulatives Modell einer Mensch-Maschinen-Interaktion.
Ode (2026) von Margherita Pevere imaginiert städtische Teiche als Raumschiffe, die eine Mission verfolgen, die – hinter ihrer scheinbaren Stille verborgen – für Menschen rätselhaft bleibt. Miteinander verbundene Elemente, inspiriert von der Anatomie von Teichorganismen, formen einen kontemplativen Mikrokosmos. Durch die Verbindung von Bioinformatik mit lebenden Proben aus Berliner Stadtteichen, Musik, skulpturalem Glas, Kleidungsstücken und Klangobjekten beschwört die Arbeit die Lebendigkeit dieser Raumschiffe herauf. Pevere entwickelte das Konzept des Raumschiffs während der Feldforschung mit Wissenschaftler:innen des POUNDER-Projekts (Jeschke Lab | Ecological Novelty, FU Berlin, IGB, ARL Hannover). Diese entnehmen Wasserproben aus Teichen, um genetische Daten der darin lebenden Bakterien zu gewinnen – ein Verfahren, das auch als Umwelt-DNA-Metabarcoding bezeichnet wird. Ode macht echtes genetisches Material sowie Datensätze von Berliner Teichen als multidimensionales Archiv ökologischer Beziehungen und möglicher wie auch unmöglicher Anpassungen an Schadstoffe erfahrbar. Eine schwebende Klangskulptur verleiht bakteriellen Netzwerken eine Stimme: Dafür wurden Gesangsaufnahmen von Dorian Wood für bestimmte Bakterien geschaffen. Dank eines eigens entwickelten KI-Systems, das bakterielle Genomdaten mit bekannten Schadstoffen verknüpft, überlagern, tanzen und verdunkeln sich die Stimmen in einem chorischen Klangstück. In einer Eröffnungsperformance aktiviert, lädt Ode das Publikum dazu ein, das Raumschiff zu betreten. Die neue Arbeit gehört zu Margherita Peveres Serie untaming death, die mehr-als-menschliche Perspektiven auf Tod und ökologische Veränderungen untersucht.
Die neue Klanginstallation Change Factors (2026) von Marcus Maeder sonifiziert Bodenmikroklimadaten aus einem wissenschaftlichen Experiment zu multiplen Faktoren des globalen Wandels, das seit 2019 am Rillig Lab | Ecology of Plants, Institut für Biologie der Freien Universität Berlin, durchgeführt wird. Für die Installation hat Maeder unterirdische Temperatur- und Feuchtigkeitsdynamiken in hörbaren, räumlich erfahrbaren Klang übersetzt. Ausgehend von Erkenntnissen, wonach die Kombination von Belastungsfaktoren wie Mikroplastik, Pestiziden, Dürre und Schwermetallen emergente Effekte hervorbringt, die sich aus einzelnen Faktoren allein nicht vorhersagen lassen, behandelt die Arbeit diese Wechselwirkungen als klangliche Phänomene. Sieben behandelte Bodenparzellen tragen jeweils mit einem tieffrequenten Klang für die Bodenfeuchtigkeit und einem hochfrequenten Klang für die Temperatur zum räumlichen Audiosystem bei. Die Lufttemperatur bewegt sich einmal innerhalb von 24 Stunden durch die Lautsprecheranordnung; damit dies wahrnehmbar wird, ist dieser Vorgang um den Faktor zehn beschleunigt. Aufnahmen von Bodentieren – von ihrem Kriechen, Fressen und ihrer Kommunikation mittels Vibrationen – werden gedämpfter, sobald steigende Temperaturen sie in tiefere, kühlere Bodenschichten zurückdrängen. Durch langsames, sich entwickelndes Pulsieren und Veränderungen der Tonhöhe macht die Installation den Boden als dynamisches, reaktionsfähiges Medium erfahrbar – und nicht als träges Substrat. Sie lädt ein zu einem deep listening von Ökosystemen, die durch menschliche Landnutzung und unterschiedlichen Rhythmen ökologischer Zeit geprägt sind.
Weitere Informationen zum Forschungsprojekt CHRYSALIS. ARTISTS IN LABS, einschließlich der Biografien aller beteiligten Künstler:innen sowie einer Übersicht mit Fotografien und Videoaufzeichnungen des öffentlichen CHRYSALIS-Programms, finden Sie hier.
