The Silkworm Project

Vivian Xu


Foto: Tim Deussen/ Studio Deussen

Ausstellung: 01. Juni - 14. Juli 2019, Fr-So 14-18 Uhr
Vernissage: 31. Mai, 20 Uhr

Samstag, 8. Juni 2019, 15-18 Uhr: Workshop THE SILKWORM PROJECT mit Vivian Xu
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Sonntag, 30. Juni 2019, 15 Uhr: Artist Talk mit Vivian Xu und Lisa Onaga (Max Planck Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin)
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Donnerstag, 4. Juli 2019: Symposium 'The Artist-Silkworm Interface: The Agricultural Treatise as Source and Scrutiny for Creating an Artist Book'
Organisiert von Lisa Onaga (Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin)
Sprecherinnen: Vivian Xu, Dagmar Schäfer, Regine Rapp, Anna Grasskamp, Yubin Shen.
Mehr Informationen: https://www.mpiwg-berlin.mpg.de/event/artist-silkworm-interface-agricultural-treatise-source-and-scrutiny-creating-artist-book



Vivian Xu ist Medienkünstlerin, Designerin und Forscherin und lebt in Shanghai. Ihre Arbeit bewegt sich zwischen biologischen und elektronischen Medien: Xu entwickelt neue Formen von Maschinenlogik, Lebensformen und sensorischen Systemen - häufig als Objekte, Installationen oder tragbare Gegenstände. Art Laboratory Berlin präsentiert Xus Projekte erstmals in Europa.

In The Silkworm Project untersucht Vivian Xu die Möglichkeiten, mit Seidenraupen eine Reihe von Hybridmaschinen zu entwerfen, mit denen man selbstorganisierte flache und räumliche Seidenstrukturen herstellen kann. Xu möchte verstehen, inwieweit das Verhalten von Insekten als Grundlage für technologisches Design dienen kann. Zu diesem Zweck hat sie kybernetische Geräte entwickelt, die sowohl auf biologischer als auch auf computergesteuerter Logik basieren. In der Ausstellung wurde eine Reihe interaktiver Maschinen aus Seidenraupen und Elektronik gezeigt. Die Künstlerin und Designerin arbeitet an der Entwicklung einer posthumanen Maschine - selbstorganisierte Seidenstrukturen, die von lebenden Seidenraupen entworfen werden.

Art Laboratory Berlin freut sich, Xus Projekte erstmals in Europa zu präsentieren.

"Die Seidenmaschinen verwenden ein geschlossenes Rückkopplungssystem zwischen dem Organischen und dem Künstlichen. Dabei bilden die biologischen und die rechnergestützten Formen ein Ökosystem, das eine automatisierte Produktion demonstriert, die in ihrer Natur autonom ist", bemerkt die Künstlerin. Durch die Erforschung der Geschichte des Rechnens und ihrer Verflechtung mit der technologischen Entwicklung der Webmaschine untersucht Vivian Xu eine kritische und künstlerische Schnittstelle zwischen der Organisation von Seide und der Organisation von Informationen.

The Silkworm Project ist das erste einer aktuellen Reihe mit dem Titel The Insect Trilogy, in der sie das Verhalten von Seidenraupen, Ameisen und Bienen untersucht, um dies bei der Gestaltung von Maschinen zu berücksichtigen. Durch die Kombination der 5000 Jahre alten Tradition der Seidenproduktion mit neuesten Technologien reflektiert Vivian Xu die Rolle des menschlichen und nichtmenschlichen, biologischen und technologischen sowie die durchlässigen Grenzen zwischen ihnen. Ihre Seidenmaschinen basieren auf einem geschlossenen Rückkopplungskreislauf, der ein autonomes Produktionssystem schafft, das sowohl organisch als auch künstlich, biologisch und rechnergestützt ist.

Die Ausstellung zeigte mehrere Prototypen und Dokumentationen früherer Experimente sowie eine neue Maschine, die mit lebenden Seidenraupen interagiert.

Die erste Seidenraupenmaschine von Vivian Xu, Silkworm Machine I: Flat Spinning, bezieht sich direkt auf die verstrickten Geschichten des Webens und der Verarbeitung von Textilien. Die Maschine besteht aus einem Stapel quadratischer Fächer, die zum einen auf die traditionelle chinesische Seidenraupenzucht verweist. Zum anderen weist sie einen Bezug zu frühen elektronischen Rechenmaschinen auf, insbesondere einem Magnetkernspeicher. Beide Kontexte basieren auf kartesischen Strukturen. Xu hat ihre künstlerische Forschung visualisiert: Neben Machine I präsentiert Xu einen sowjetischen Magnetkernspeicher aus den 1980er Jahren. Daneben stellt sie Bilder eines Jacquard-Webstuhls, der das Weben mit Lochkarten automatisierte, zur Diskussion. Des weiteren geben Kopien von IBM-Lochkarten aus dem 20. Jahrhundert sowie ein chinesisches Traktat über die Aufzucht von Seidenraupen aus dem späten 17. Jahrhundert Auskunft über Xus Bezugssystem.

Zusammen mit ihren Skizzen für Machine I präsentiert sich hier die Seidenraupe als lebendige Maschine im Dienste des menschlichen Erfindungsgeistes, wobei Landwirtschaft, Industrie und Kybernetik miteinander verwoben werden. Landwirtschaftliche Traktate und mechanische Handbücher spielen generell eine wichtige Rolle in der Forschung der Künstlerin. Dies gilt auch für aktuelles Projekt eines Künstlerbuchs zum Silkworm Project, das sie zwischen Mai - August 2019 als Artist-in-Resident am Berliner Max-Planck Institut für Wissenschaftsgeschichte entwickelt.


Für Silkworm Machine II: Spatial Spinning entschloss sich Xu, eine Maschine zu entwerfen, die biologische und sensorische Aspekte in die Mechanik integriert. Die Künstlerin war daran interessiert, "die räumliche Perspektive des Wurms durch das Maschinendesign darzustellen, um zu den inneren Tätigkeiten und ‚Weltanschauungen' der Seidenraupe zu gelangen". In der Arbeit mit Seidenwürmern, die durch ihre Nahrung oder durch Gentechnik farbige Seide produzieren, konnte sie die Arbeit mehrerer Seidenraupen in einer Maschine, die sich selbst drehte, von mehreren Seidenraupen unterscheiden. Dabei spannen mehrere Seidenraupen und bauten aufeinander auf. Seidenspinnen bedeutet Insektenarchitektur - also einen Raum bauen, in dem sich die Seidenraupe gut verpuppen kann. Silkworm Machine II: Spatial Spinning besteht aus zwei Modellen, einem horizontalen und einem vertikalen, sowie einem handgedrehten Prototyp, den Xu fotografierte.


Der jüngste Prototyp des Silkworm Project, Machine III - Magnetic Spinning Machine, von Art Laboratory Berlin finanziell unterstützt, führt die Maschinen I und II zusammen. Die dritte Maschine betont eine hybride bionische Perspektive, die ihrer Natur nach spekulativ ist. Einerseits geht es um die Frage, wie wir Systeme und Maschinen konstruieren. Fast wie eine Raumkapsel - elliptisch und planetarisch - als ob es im eignen kleinen Orbit rotiert. Weder vollständig maschinenartig noch rein biologisch, ist Maschine III ein Hybrid. Sie zielt darauf ab, das Insektengleichgewicht zu stören, Verwirrung zu stiften und den blinden Fleck der Seidenraupe durch die gesponnenen Seidenstrukturen zu verfolgen. Wie Maschine II verwendet diese Maschine gekrümmte Oberflächen, um die Seidenraupe herauszufordern, die normalerweise Ecken und Winkel verwendet, um ihre Strukturen zu verankern.

Das Seidenraupenprojekt von Vivian Xu wirft eine posthumane Frage im Kontext autonomer Biofabrikation auf: Wie können Kreaturen und Maschinen zusammenarbeiten, um neue Biomaterialien zu verweben? Xu bemerkte kürzlich dazu: "Ich möchte über eine neue bionische Systemlogik spekulieren, bei der Wurm und Maschine ein schwebendes rotierendes Ökosystem darstellen."

Neben dem Lesetisch zeigte ein Video Xus Forschung zu Seidenraupen: Ihre Beschreibungen basieren auf der Lektüre von Tierverhaltensforschern. Im Video sehen wir kalifornische Bombyx mori-Seidenraupen, die 2013 in New York aufgezogen wurden und nun gerade ihre Kokons spinnen.

In einem weiteren Video auf dem Lesetisch konnten die Besucher den Beitrag von Vivian Xu auf unserer Konferenz "Nonhuman Agents in Art, Culture and Theory" (November 2017, Art Laboratory Berlin) anhören. In ihrem Vortrag The Silkworm Project erläutert sie ihre künstlerische Forschung, die theoretische Forschungen zur Geschichte der Technik und Biologie sowie zur Praxis der Seidenraupenzucht kombiniert. Dieser Vortrag wurde als Videoaufzeichnung veröffentlicht (zusammen mit allen anderen Konferenzbeiträgen) und kann im ALB-Webarchiv jederzeit eingesehen werden.

Unsere Zusammenarbeit mit Vivian Xu dauert bereits mehr als vier Jahre. Ihr Projekt The Silkworm Project ist eng mit unseren Serien "Nonhuman Subjectivities" (2016/17) und "Nonhuman Agents" (2017/18) verbunden. Wir danken Vivian Xu für ihren Beitrag zu unserer Konferenz "Nonhuman Agents in Art, Culture and Theory" (Nov. 2017, Art Laboratory Berlin), die wir (zusammen mit allen anderen Konferenzbeiträgen) als Videoaufzeichnung in unserem Webarchiv veröffentlicht haben (siehe hier).

Wir freuen uns sehr, mit dem Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte (MPIWG) zusammen zu arbeiten und Vivian Xu gemeinsam einen viermonatigen künstlerischen Forschungsaufenthalt in Berlin zu ermöglichen (Mai-August 2019). Die Ausstellung, Gespräche, ein Symposium und ein Workshop über Seidenkultur von und mit Vivian Xu konnten dem Publikum viele Einblicke in das faszinierendes Langzeit-Projekt geben.

Regine Rapp & Christian de Lutz (Kuratoren)

Vivian Xu (* 1985) ist Medienkünstlerin und Forscherin und lebt in Shanghai. Ihre Arbeit bewegt sich zwischen biologischen und elektronischen Medien: Xu entwickelt neue Formen von Maschinenlogik, Lebensformen und sensorischen Systemen - häufig als Objekte, Installationen oder tragbare Gegenstände. Sie hat an verschiedenen Institutionen in China, den USA, Deutschland und Australien gezeigt, Vorträge gehalten und Vorträge gehalten. Vivian ist Mitbegründer von Dogma Lab, einem transdisziplinären Designlabor in Shanghai, das sich der Schaffung experimenteller Forschung an der Schnittstelle von Design, Technologie, Kunst und Wissenschaft widmet. Zwischen 2013 und 2015 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der New York University Shanghai. Seitdem hat sie Vorlesungen an verschiedenen Universitäten und Programmen gehalten, darunter an der Shanghai Tech University, der chinesischen Universität von Hongkong, dem Shenzhen Campus, dem Roy Ascott Technoetic Arts Programm (Shanghai) usw. Ihre Arbeiten wurden in Medien und Presse vorgestellt, darunter VICE China, Elle US, China Global TV English Channel usw. Xu erhielt 2013 ihren MFA in Design und Technologie an der New School for Design in Parsons.



Fotos (c) Tim Deussen/ Studio Deussen, wenn nicht anders angegeben













Foto: Art Laboratory Berlin







Foto: Art Laboratory Berlin


Fotos (c) Tim Deussen/ Studio Deussen, wenn nicht anders angegeben




In Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte


Besondere Danke an: